Das Buch vom Überfluss
Kochen ist Liebe
Leseprobe mit...
...Rezept des Monats
Pressestimmen
online Shop
Impressum
Wir beklagen Harros Tod
 
   
 


Lieblingsrezepte, aufgelesen auf einer langen Wanderung

Wie kommen Gerichte in unsere Küchen? Wieso schaffen es einige Speisen, dass sie von uns wieder und wieder aufgeführt werden, während wir für andere kein Auge haben und sie nicht die geringste Chance haben, vor unserem Gaumen Gnade zu finden?

Da ist die Prägung aus der frühen Kindheit, die Erinnerung an – meistens – Mutters viel zitierte Küche, die schon so manchen Ehekrach herauf beschworen hat. Dann Erfahrungen bei Freunden, in deren Küchen es uns Kindern häufig besser geschmeckt hat als zu Hause – und unsere Freunde fanden es bei uns leckerer als bei sich zu Hause. Schließlich Restaurants und Reisen – kulinarische Eindrücke Tag für Tag. In einer Zeit, in der die Supermärkte vor internationalen Angeboten ganzjährig überquellen und selbst Discounter einstige Delikatessen ins Programm genommen haben, stehen wir höchstens vor dem Luxusproblem, das uns die Freiheit insgesamt bereitet – wie werden wir der Vielfalt Herr und Frau?

Für mich ist Kochen jeden Tag die große Gelegenheit, mir selbst und den Menschen, für die ich koche, zu sagen: Ich liebe Dich. In jedes Gericht koche ich meine Achtsamkeit, meine Fürsorge, meine guten Wünsche mit hinein. Eigenartigerweise schmeckt man das. Ein Kochbuch kann das nur unvollkommen, wenn überhaupt, wiedergeben. Und wenn mich jemand fragt, wie hast Du das gekocht, versäume ich es nie, als Grundzutat Liebe zu erwähnen – einfach unverzichtbar. Selbst die einfachste Mahlzeit wird so zu einem Festschmaus. Es klingt wie Zauberei, aber es funktioniert. Und: Das Kochen ist so keine mühselige Last. Wenn ich mit Liebe überlege, mit Liebe einkaufe und dann auch koche, ist das keine Mühe, es ist ein großes Dankeschön, ja, es ist wie eine Art Dauergebet.

Vielleicht ist es deshalb so, dass die Pfefferminze auf unserer Gartenterrasse ins Uferlose wachsen will. Als ich sie im Supermarkt in einem kleinen Töpfchen einkaufte, war sie eine ziemlich schwächliche Angelegenheit. Unsere Küche ist sehr klein, so dass die Pfefferminze keinen vernünftigen Platz finden konnte und vom Hausherrn nach draußen verwiesen wurde. Also pflanzte ich sie ein und machte mir große Sorgen, was wohl aus dem dünnen Pflänzchen im rauen Nordseewind werden sollte. Nach dem ersten Schrecken erholte sich die Pfefferminze und entschloss sich, ihre wahre Kraft zu zeigen. Seitdem wuchert, wächst, blüht und gedeiht sie und bringt uns Tag für Tag neu zum Staunen. Außerdem versorgt sie uns mit unvergleichlich köstlichem frischen Tee und ihrem Aroma, das sie uns großzügig erlaubt, zum Beispiel dem ayurvedischen Gurkensalat hinzuzufügen.

Beim Über-die-Schulter-Gucken, wo immer ich zu Gast war, habe ich festgestellt, wie viele von uns herrliche kleine Spezialitäten zu Hause zubereiten, von denen sie kein großes Aufhebens machen, die zu erfassen aber mehr als lohnt. Ich habe in diesem Buch einige meiner Lieblingsgerichte und einige meiner Lieblingsgeschichten rund ums Kochen und Essen zusammengetragen.

...

Alle Rezepte haben sich in meiner Küche ausnahmslos bewährt. Ich denke unwillkürlich an Remy, den kleinen Rattenkoch aus dem Animationsfilm „Ratatouille“, der sich am Credo des fiktiven Sternekochs Gusteau orientiert: Jeder kann kochen – „Aber nicht jeder sollte kochen“, fügt die kleine Ratte selbstbewusst hinzu.

...

Sie machen noch Mehlschwitzen? Ja? Aber trauen Sie sich auch, das zu sagen? Gibt es in Ihrer Küche noch herrlich altmodische Gerichte wie das gute Hühnerfrikassee? Kommt auf Ihre Kaffeetafel gelegentlich ein so antikes aber köstliches Gebäck wie die Mailänder Makronentorte? Wissen Sie noch, wie man ein Schaumomelett herstellt? Kurz und gut, haben Sie sich vom allgemeinen Küchen- und Experten­wahn infizieren lassen oder trauen Sie sich einfach, so zu kochen, wie es Ihnen schmeckt?

Ich bin davon überzeugt, dass jede aus dem riesigen Milliardenheer von Köchinnen und Köchen, die Tag für Tag dafür antreten, ihre Lieben und sich selbst nicht nur zu versorgen, sondern auch ein wenig zu verwöhnen, ein ungeheures Potenzial echter Küchenschätze verwaltet. Es muss ja nicht gleich so sein wie bei meiner ehemaligen Kollegin Isabella, die gerne davon erzählte, dass ihre Mutter es sich nicht nehmen ließ, die Einzelbestellungen ihrer beiden Töchter und ihres Mannes für den nächsten Tag entgegenzunehmen, um sie dann sozusagen à la carte zu bewirten.

Es freut mich zu lesen, dass Spitzenköche wie Alain Bourdain den Blick und den Geschmack für die gute Alltagsküche nicht verloren haben. Ich bin begeistert, von einem Restaurant in Südfrankreich zu lesen, das täglich brechend voll ist. Gegessen wird hier, was auf den Tisch kommt. Und das ist das, was Madame gerade für gut und richtig befunden hat. Ihre Gäste geben ihr Recht. Sie setzen sich zum einfachen, in Frankreich unverzichtbaren Landwein an den gedeckten Tisch, lassen sich überraschen – und futtern wie bei Muttern. Beispiele unaufgeregter Unbeeindrucktheit von der jeweils aktuellen Küchensau, die gerade durchs Dorf gejagt wird.

Kochen, das ist eine zutiefst persönliche Erfahrung. Wie viel heimliche Kreativität in den verschwiegenen kleinen Küchen des Alltags schlummert, Tag für Tag unermüdlich hervorgezaubert – an vielen Stellen mit ganz viel Liebe und Zuwendung zum anderen –, geht fast verloren im Wettbewerb um Mützen und Sterne.

In die Töpfe meiner Freunde und Gastgeber durfte ich häufig schauen, und etliche von ihnen geizten nicht mit der Weitergabe von Rezepten. Ich denke, so ist es in vielen Haushalten.

Ich plädiere für ein Kochen, wie einem der Schnabel gewachsen ist, nach Geschmack und Vergnügen, mit Beachtung einiger fundamentaler Grundsätze – möglichst frische, möglichst hochwertige Zutaten, angemessene Garzeiten. Und ansonsten, essen, wonach uns gelüstet. Schlemmen im vernünftigen Maß, ohne es zu bereuen und irgendwelchen Evangelien zu folgen. Das Evangelium ist der eigene Bauch. Und wer sich an ihn wendet, wird immer gut beraten – man muss sich allerdings Zeit und Muße nehmen, zuzuhören, damit man ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Küche bekommt.

...

Was die Zutaten angeht – die heute wegen ihres Cholesteringehaltes verteufelte Butter steht morgen wegen ihrer positiven Schutzstoffe für das Herz wieder hoch im Kurs. Zucker, gestern noch verbannt und gescholten, ist heute als Energiespender rehabilitiert. Fette, geächtet und dann in gute und schlechte unterschieden, sind unverzichtbar in der Ernährung nicht nur als Geschmacks-träger, sondern auch als Energiespender.

Schulen Sie Ihren Bauch und Ihren Magen, und denken Sie daran, es ist Ihr Bauch und Ihr Magen. Was macht es schon aus, wenn das, was Ihnen bekommt, im Gegensatz zur gerade herrschenden Meinung steht. Wichtig ist doch, dass die Küche zu Ihnen passt, denn es ist Ihre Küche, es ist Ihr Körper, es ist Ihre Gesundheit und es ist Ihr Leben. Die Mühe, herauszufinden, was wirklich zu Ihnen gehört, kann Ihnen ohnehin keine Ernährungsphilosophie der Welt abnehmen.

Tun Sie sich Gutes, indem sie mit Liebe kochen, für sich selbst und für die, die sie versorgen – Mann, Frau, Kinder, Familie, Freunde, Gäste. Und glauben Sie mir, je mehr Liebe Sie in Ihre Gerichte hineinkochen, desto besser werden sie schmecken, desto nährender werden sie sein und desto mehr Freude werden Sie selbst am Prozess des Kochens haben.

...

Kochen ist eine ausgezeichnete, im Alltag häufig unterschätzte Gelegenheit, die eigene Kreativität einzusetzen, zu schulen und zu verfeinern. Es ist eben nicht egal, ob Sie lieblos irgendeine Pampe zusammenrühren und schmucklos auf den Tisch knallen, die Mikrowellenschnellküche aus dem FF beherrschen oder ob Sie sich wirklich selbst an die Zubereitung der Nahrung begeben und Ihr Bestes mit hineinkochen. Wenn niemand sonst es merken würde, Sie werden es wissen und Sie werden es schmecken.

Und dann werden Sie entdecken, dass Kochen eine ungeheuer aufregende und immer wieder neue Begegnung mit Ihrer eigenen Kreativität sein kann. Weil Sie sich mehr zutrauen werden, wenn Sie anfangen werden, mit dem Kochen und mit den Zutaten, die sie gerade im Haus haben, zu jonglieren. Weil Sie Selbstvertrauen gewinnen werden, dass es Ihnen möglich ist, noch aus wenigem ganz viel zu machen. Das stärkt Ihre persönliche Kraft.

Dann wird es Ihnen einfach schmecken – und Ihre Lieben werden sich begeistert und vielleicht auch verwundert fragen, was in der Küche eigentlich passiert ist. Dabei widmen Sie Ihrem Kochen nur Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Liebe – getreu dem Motto, nach dem Arbeit angewandte Liebe ist. Dass Ihnen das gelingen möge, wünsche ich Ihnen von Herzen.

...

Ich kann nur wiederholen, Kochen ist Alchemie, Kochen ist Leben, Kochen ist Liebe! Und wenn Sie nicht alleine vor dem Essen sitzen mögen, laden Sie Freunde und Verwandte ein und tun Sie einander gut! Das ist so viel nährender und erquicklicher, als das Fertigessen aus der Mikrowelle zu zerren und mit beiden Augen auf den Bildschirm starrend nebenbei zu verdrücken, während auf der Mattscheibe scheinbar das Leben stattfindet. Aber das Leben findet hier statt, hier und jetzt, auch in der Küche und im Kochen.

Zu alledem ist es auch noch eine zutiefst sinnliche Erfahrung. Für all das, was das Kochen bietet, müsste man schon ungeheuere Summen in Selbsterweckungskurse investieren – nichts gegen Selbsterweckungskurse, aber warum so lange warten, bis ein neuer anfängt? Lieber gleich loslegen, in der eigenen Küche, egal wie klein sie sein mag.

Bei allem Respekt vor Sternetempeln und der haute Cuisine – die helfen Ihnen nicht durch Ihren Alltag. Aber die einfache Jeden-Tag-Küche zu Hause weckt Ihre Lebensgeister, Ihre Phantasie und schenkt Ihnen Freude, jeden Tag neu und vielfältig.

Appetitmacher, Suppenliebe, Gemüseflirt, Beilagen-rendezvous, Fleischeslust, Fischschwärmerei, Seelenkost, Of(f)enbarungen, Salatanmache, Buffetstars, Süßschnäbelei, Dessertpassion, Backwahn, Einkochleidenschaft – unter diesen Stichworten finden Sie neue und ausgefallene Gerichte ebenso wie beinahe in Vergessenheit geratene Leckereien. So weit nicht anders angegeben, sind die Rezepte für vier Personen berechnet.

Ich wünsche Ihnen eine unterhaltsame Lektüre, und wenn am Ende wenigstens ein Gericht Einzug in Ihre Küche hält und auf Ihre persönliche Hitliste rutscht, habe ich ein heimliches Vergnügen daran. Lassen Sie es sich schmecken und kochen Sie mit Begeisterung und Liebe!